Pflanzen als chemische Waffenfabriken.
Hervorragender Artikel von René Gräber, Bücherautor 
Spannender wird es beim Weizen. Das Weizenkeim-Agglutinin, kurz WGA, ist relativ hitzestabil. In Zellkulturen kann es sich an Darmepithelzellen binden und entzündliche Signalwege aktivieren. Das klingt dramatisch, passiert so aber wahrscheinlich nur im Reagenzglas. Die entscheidende Frage lautet: Was passiert im menschlichen Organismus unter realen Bedingungen?
Hier wird es dünn. Es gibt Hinweise, Mechanismen und Hypothesen. Aber keine robusten Langzeitstudien, die zeigen, dass WGA beim gesunden Menschen systemische Erkrankungen verursacht. Das zweite Aha: Mechanistische Plausibilität ist nicht gleich klinischer Beweis. Gleichzeitig sehe ich in der Praxis Menschen, die „modernen Weizen“ schlecht bis sehr schlecht vertragen – und zwar ohne Zöliakie und ohne klare Weizen-Allergie.
Gluten ist nicht das Hauptproblem
Das ist kein Widerspruch. Das ist der Alltag in der Praxis. Eine mediterrane Ernährung kann auf „Bevölkerungsebene“ schützend wirken und trotzdem für einzelne Personen ungünstig sein. Das ist Biologie.
Erstens: Hülsenfrüchte einweichen und ausreichend kochen. Wer rohe Kidneybohnen in den Mixer kippt, hat nicht verstanden, was er da tut.
Zweitens: Weizenqualität und Verarbeitung beachten. Sauerteig. Eine „biochemische Maßnahme“ zur Entschärfung problematischer Eiweißstrukturen. Ich kaufe kein Brot beim Discounter.
Im Zeitungsartikel habe ich bewusst nicht zwischen den verschiedenen Lektintypen differenziert. Es gibt sogenannte Ribosomen-inaktivierende Proteine. Ricin gehört dazu, das hatte ich erwähnt.
WGA ist relativ hitzestabil. Es kann in Zellkulturen an Darmzellen binden und Signalwege beeinflussen. Tiermodelle zeigen immunmodulierende Effekte.
Was fehlt: Wir haben keine belastbaren Langzeitstudien am Menschen, die zeigen, dass normal konsumierte Lektinmengen systemische Erkrankungen verursachen. Aber wir haben deutliche Hinweise, dass Fermentation, Keimung und lange Teigführung die Aktivität bestimmter Lektine und Amylase-Trypsin-Inhibitoren reduzieren. Und deswegen ist die Fermentationsbewegung auch (wieder) so auf dem Vormarsch! Und das mit Recht.
Das bedeutet letztlich: nicht das Korn allein ist entscheidend, sondern auch die Verarbeitung, Menge und individueller Zustand des Darms. Das ist jetzt weniger spektakulär als „Lektine zerstören den Darm“ oder zum Beispiel wie der Buchtitel „Dumm wie Brot“, aber es ist näher an der Realität.
2. Weizen – warum moderne Verarbeitung eine Rolle spielt
Ich habe im Artikel nur kurz erwähnt, dass Weizen mehr ist als Gluten. Hier die Vertiefung:
Moderne Weizensorten enthalten höhere Anteile bestimmter Amylase-Trypsin-Inhibitoren. Diese können über Toll-like-Rezeptoren das angeborene Immunsystem stimulieren. Das ist experimentell belegt.
Dazu kommen FODMAPs, die bei empfindlichen Menschen zu Gasbildung und Beschwerden führen. Zu diesen FODMAPs hatte ich auch hier ausführlicher geschrieben:
https://www.gesund-heilfasten.de/fodmap/
Ein traditioneller Sauerteig mit 24 bis 48 Stunden Fermentation reduziert also:
- FODMAPs
- Teile der ATIs
- potenziell Lektinaktivität
Ein Industriebrot mit Turbofermentation tut das nicht.
3. Die Glyphosat-Mauschelbande (dürfte ich nie in der Zeitung schreiben)
Im Zeitungsartikel habe ich das Glyphosat nur kurz angerissen.
Was dabei regelmäßig untergeht: Unser Mikrobiom besitzt diesen Stoffwechselweg sehr wohl. Tierstudien zeigen Veränderungen der Darmflora unter Glyphosatexposition. Zudem wirkt Glyphosat als Chelator und kann Spurenelemente wie Mangan oder Zink binden – Mineralien, die für zahlreiche enzymatische Prozesse notwendig sind.
Glyphosat ist chemisch ein Glycin-Analogon. Es ähnelt der Aminosäure Glycin strukturell. Es existieren Hypothesen (die ich für stichhaltig halte), dass Glyphosat dadurch in Stoffwechselprozesse eingreifen könnte. Teilweise wurde sogar diskutiert, ob ein Einbau in Proteine möglich sei. Für einen systematischen Einbau in menschliche Proteine gibt es bislang jedoch keinen überzeugenden experimentellen Nachweis. Hier muss man sauber bleiben.
Was ebenfalls selten diskutiert wird: Kommerzielle Spritzmittel bestehen nicht nur aus Glyphosat, sondern aus Formulierungen mit zusätzlichen Hilfsstoffen. Bewertet wird regulatorisch häufig nur primär der Einzelwirkstoff, was aber auf die Pflanzen kommt ist in der Regel eher ein „Cocktail“.
Die IARC stuft Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend ein. Europäische Behörden kommen zu einer anderen Einschätzung. Beides ist dokumentiert. Was kaum diskutiert wird: Wir sprechen hier von chronischer Niedrigdosisexposition einer ganzen Bevölkerung und nicht von einem isolierten Laborversuch.
https://www.forestle.de/search/glyphosat
https://renegraeber.de/blog/google-bestraft-naturheilkunde-webseiten/4. Warum Grenzwerte kein Sicherheitsversprechen sindHier liegt der eigentliche Denkfehler. Grenzwerte werden für einzelne Substanzen festgelegt. Unser Körper ist jedoch keinem Einzelstoff ausgesetzt. Er reagiert auf Mischungen.In der Toxikologie nennt man das Mischungseffekte oder additive Wirkungen. Bei hormonaktiven Substanzen ist bekannt, dass Niedrigdosen kombiniert stärker wirken können als erwartet. 1 + 1 + 1 ist im biologischen System nicht zwingend 3. Es kann 5 sein. Oder 20.Glyphosat. Emulgatoren. Pestizidrückstände. Weizen-ATIs. Jeder für sich unter Grenzwert. Gemeinsam in einem Organismus mit Stress, Schlafmangel und Bewegungsdefizit? Das weiß eigentlich keiner…Und was heißt das für Sie?Ruhe bewahren.
Sauerteig statt Turbo-Brot
Möglichst wenig verarbeitete Produkte
Bio nicht als Moralfrage, sondern als Risikominimierung
Individuelle Verträglichkeit ernst nehmen
Iss nichts, was deine Großmutter nicht als Lebensmittel erkannt hätte. Nicht, weil früher alles besser war. Sondern weil industrielle Komplexität immer Nebenwirkungen hat.“